Craft Beer eröffnet neue Perspektiven

In den USA ist „­Craft Beer“ schon lange mehr als eine Bewegung gegen ­Industiebier. Die „Craft Brewers“ haben es geschafft mit ihren individuellen Bieren und ihren teilweise extremen und ausgefallenen Geschmacksrichtungen ­Craft Beer zu einem Lifestyle werden zu lassen. Auch in Deutschland verbreitet sich diese Bewegung allmählich und auch hier durstet es den Leuten nach Neuem und Besonderem. Immer öfters informieren nicht nur Bier-Blogger von dieser „­Craft-Beer-Bewegung“. Auch renommierte Magazine berichten davon. Sie tragen einen großen Teil dazu bei ­Craft Beer bekannter zu machen und vor allem Bier wieder ins richtige Licht zu rücken.

Ein gutes Beispiel ist der im folgenden veröffentlichte Artikel von Gastroblick.de, ein aufschlussreicher und sehr gut geschriebener Artikel über Craft Beer!

Dass in der globalisierten Welt Innovationen schnell von einem Erdteil auf den anderen schwappen, das kennt man. Aber wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet zum urdeutschen Thema Bier wertvolle Anstöße aus den USA gibt? Noch dazu Anstöße, die sich, um Neues zu entwickeln, auf die grundlegendsten Tugenden des Bierbrauens zurückbesinnen: auf beste, reinste Zutaten, ursprüngliches Handwerk und eine gehörige Portion Kreativität. Genau dafür steht Craft Beer.

Craft Beer-Vielfalt in den USA
Craft Beer-Vielfalt in den USA

Mit neuen Ideen zum Ursprung des Brauens zurück

Craft Beer heißt nichts anderes als handwerklich gebrautes Bier. Der Begriff steht jedoch für eine Bierkategorie, die sich vom Herstellungsprozess über die Ausstattung oder das Marketing bis hin zum Verkaufspreis deutlich von dem Bier abgrenzt, das heute im Lebensmitteleinzelhandel für kleines Geld zu haben ist.

Craft Beer
Die Ratsherrn-Brauer bei der Arbeit

Craft Beer als Trend kommt aus den USA. Hier waren nach der Prohibition zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zunächst viele kleine Brauereien entstanden. Den Verdrängungswettbewerb, der sich innerhalb der nächsten fünfzig Jahre abspielte, überlebten nur wenige. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Produktvielfalt. Der britische Bierexperte und Autor Michael Jackson wird auf der Webseite des Berufsverbands der Craft Breweries in den USA zur Anfang der 80er Jahre vorherrschenden, recht einheitlichen Geschmacksrichtung der verfügbaren Biere zitiert: „Helle Lager, annähernd nach Art des Pilsner, aber leichter bei fehlender Hopfen-Note und eher fad. Die Biersorten schmecken zwar nicht alle genau gleich, aber die Unterschiede haben oft nur geringe Auswirkungen.“

Der Mangel an Vielfalt war der beste Nährboden für Bier-Enthusiasten, die zu dieser Zeit die Craft Beer -Bewegung in Gang setzten. Seit gut dreißig Jahren entwickeln sich immer mehr kleine und kleinste lokale und regionale Braustätten, sogenannte Mikro-Brauereien, die dem von wenigen großen Brauereien dominierten Biermarkt etwas entgegensetzen, was nicht in Massen für den Massengeschmack produziert wird. Heute ist es in den USA so, dass der Biermarkt zwar allgemein schrumpft, der Craft Beer -Markt jedoch gegen diesen Trend wächst. Diese Potenziale erkennt man nach und nach auch in anderen Teilen der Welt.

In europäischen Ländern mit einer ursprünglich ebenfalls weniger ausgeprägten Brauerei-Infrastruktur begünstigte der Import ausländischer Biersorten die Entwicklung einer eigenen Bierkultur. In Dänemark beispielsweise gab es im Jahr 2000 gerade einmal 19 Brauereien, 2009 waren es 120. Damit entwickelte sich auch eine nie dagewesene Markenvielfalt. Waren in 2002 noch 793 Biere beim „Danske Retursystem“ registriert, waren es Ende 2009 bereits 7.717 (Quelle: Getränkefachgroßhandel 8/2011). Als Vorreiter der Craft Beer-Bewegung in Europa gilt die in Kopenhagen ansässige Mikkeller-Brauerei, die mit Barrique-Lagerung, Mango- und Passionsfrucht sowie Gewürzen im Sud und Champagnerhefen von sich reden macht.

Jetzt kommt der Trend nach Deutschland, in ein Land, in dem Bier als Kulturgut seinen festen Platz in der Gesellschaft hat. Gerade weil Bier einen so hohen Stellenwert in der deutschen Außer-Haus-Gastronomie besitzt, sind Innovationen vielversprechend – um im rückläufigen Biermarkt Mengen und Werte zu verteidigen, um neue Konsumentengruppen anzusprechen und um ein neues Erlebnis für Gäste zu schaffen.

Craft Beer
Stand der Ratsherrn-Brauerei auf der Internorga 2012

Craft Beer in Deutschland

Craft Beer
Pax Bräu - Andreas Seufert

Im vierten Quartal 2012 wird beispielsweise die Ratsherrn Brauerei in Hamburg eine Mikro-Brauerei in Betrieb nehmen, in der bis zu fünf Hektoliter Bier einer Spezialität produziert werden können: „Die Besucher haben die einmalige Möglichkeit, unter Anleitung der Braumeister ihr eigenes Bier nach ganz persönlichen Geschmacksvorstellungen zu brauen. So kann jeder einmal selbst ausprobieren und erleben, was echtes Brauhandwerk wirklich ausmacht. Um die Idee von Craft Beer und seine vielfältigen Sorten den Besuchern näherzubringen, werden hier besondere, limitierte Biersorten gebraut“, erklärt Ratsherrn Braumeister Thomas Kunst. Im Sommer 2012 startet Ratsherrn in Hamburg mit Pilsener (Achtung: blumige Note mit einem zarten Hauch von Zitrus), dem bernsteinroten Rotbier (feine Karamellnote) und Pale Ale (malziges, an trockene Beeren und Zitrusfrüchte erinnerndes Aroma). „Bis März 2013 planen wir bereits sieben verschiedene Sorten, darunter auch Limited Editions“, so Thomas Kunst. Ein weiteres Beispiel für Craft Beer made in Germany ist die Pax Bräu in Oberelsbach. Im Ein-Mann-Betrieb mit Familienunterstützung braut hier Andreas Seufert pro Jahr 300 Hektoliter. Jeden Monat gibt es ein Craft Beer mit eigener Note.

Für die verbleibenden Monate des Jahres 2012 sind dies Saphir Pilsner (August), Imperial Honey Stout (September), Indian Summer Ale mit Maronen (Oktober), Basalt Bock (November) und Pacifator (Dezember), gebraut in Mengen von 500 bzw. 1.000 Litern. Den Pax Bräu Bierkalender veröffentlicht Andreas Seufert im Internet. Sein Motto „Lasst uns Schwerter zu Zapfhähnen schmieden“ hat sich mittlerweile über die Region hinaus herumgesprochen und sorgt für steigenden Absatz. Neben der eigenen Innovationskraft der deutschen Brauer kann die gut etablierte und gewachsene Craft Beer-Szene in den USA Inspiration liefern. Eine neue Eigenständigkeit der Biersorten und die Vielfalt der Geschmacksrichtungen sollten auch dem deutschen Konsumenten schmecken. Was den Trend gerade hierzulande begünstigen wird, ist die gerade in einkommensstarken Bevölkerungsschichten wachsende Besinnung auf regionale Produkte. Wo das „Bier von hier“ Konjunktur hat, schafft der kreative Brauer mit dem „Bier von mir“ zusätzlich Identifikationspotenzial. Der Preis verliert als Argument, wenn Aromen von Karamell bis Kokosnuss die Geschmacksknospen erblühen lassen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, die Rückbesinnung auf historische Rezepturen bis hin zum Bier speziell zur regionalen Küche – alles ist möglich, was gefällt. In Japan etwa, wo die vier Brauereien Asahi, Kirin, Suntory und Sapporo den Biermarkt unter sich ausmachen, entwickelt sich derzeit eine neue, inspirierende Szene. Grapefruit-, Kürbis- und Kirschblütenbiere aus Minibrauereien gewinnen immer mehr Freunde.

Craft Beer

Ein Trend, der sich lohnt

Die Craft Beer -Bewegung, wenn sie in Deutschland erst einmal an Fahrt aufnimmt, hat das Zeug dazu, der Gastronomie interessante Impulse zu geben. Die handwerklich in kleinen Mengen und spannenden neuen Geschmacksnoten gebrauten Biere erschließen dem Bier allgemein neue Zielgruppen. Und das tut der Branche, die unter dem seit Jahren rückläufigen Bierkonsum und der Kannibalisierung durch andere Getränkegattungen leidet, natürlich gut. Verkaufspreise, die mit raren, exotischen und hoch innovativen Bier-Geschmacks-richtungen erzielt werden können, sind teilweise deutlich höher als der übliche Bierpreis. In Zeiten, in denen Markenartikelhersteller den individuellen Dialog mit ihren Konsumenten suchen, in denen aus Konsumenten „Freunde“ werden sollen, in diesen Zeiten hat ein Brauer, der die Craft Beer-Idee umsetzt, die Chance, aus seinen Gästen höchst involvierte Produkt-Mit-Entwickler zu machen. Denn Bier gilt als Kulturgut mit hohem Identifikationspotenzial. Wenn jetzt noch die Aspekte Erlebnis und Experiment hinzukommen, wird dieses Potenzial mit Sicherheit gehoben.
Die Craft Beer-Bewegung bringt bereits und wird noch viele neue, spannende, polarisierende Produkte hervorbringen, die für wirklich neue Geschmackserlebnisse, für wirklich ungewöhnliche Positionierungen, für Gesprächsstoff und nicht zuletzt auch für zusätzliche Erlöse stehen können.

Fotos: Ratsherrn / Henning Angerer, alehead.com, Pax Bräu

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